Industrielle Inseln im Park

Lingen bleibt auch nach 2022 Energiestandort

 

Wenn vom Energiestandort in Lingen die Rede ist, dann ist damit in erster Linie der 1400 Megawatt-Block im Industriepark gemeint. Bis zum 31. Dezember 2022 jedenfalls. Dann fährt wegen des beschlossenen Atomausstiegs in Deutschland auch der Atomreaktor in Lingen runter. Und mit ihm der Energiestandort?


Eine Frage, die mit einer einzigen Antwort nicht auskommt, denn der Energiestandort Lingen umfasst mehr als das Kernkraftwerk. Zwei weitere Kühltürme gehören zu den Gaskraftwerken der RWE in direkter Nachbarschaft mit mehreren Blöcken, darunter das Gas- und Dampfturbinen-Kraftwerk (GuD). Mit einer Nettoleistung von 876 Megawatt gilt es nach Angaben der RWE als modernste dieser Anlagenform weltweit.


Aber: Im Zuge der Energiewende in Deutschland ist das Gaskraftwerk deutlich weniger am Netz als Kohlekraftwerke mit viel schlechterer Co2-Bilanz. Auch ein Abbau von Arbeitsplätzen ist dort mit dieser Entwicklung verbunden.


„Das größte Bauprojekt aller Zeiten in der Region“: So hat die Neue Osnabrücker Zeitung 1988 nach der Fertigstellung des Kernkraftwerkes Emsland getitelt. „Tatsächlich übertraf dieses Industrieprojekt mit einer Investition von 5,8 Milliarden DM alles bis dahin Gebaute“, erinnert sich der frühere Lingener Oberstadtdirektor Karl-Heinz Vehring. Seitdem produziert der Atomreaktor nach Angaben von Betreiber RWE jährlich rund elf Milliarden Kilowattstunden Strom – genug, um 3,5 Millionen Haushalte mit Energie zu versorgen. Unterm Strich produziert RWE in Lingen rund 3200 Megawatt Energie.
Für den „Energiestandort südliches Emsland“ sei mit dem Atomausstieg ein Risiko verbunden, das vermutlich deutliche wirtschaftliche Konsequenzen mit sich bringe, sagte Landrat Reinhard Winter im Januar beim 7. Unternehmensforum über „Lingen und seine Zukunft als Energiestandort“.


Deshalb hat der Landkreis beim Niedersächsischen Institut für Wirtschaftsforschung eine Studie in Auftrag gegeben, die die „regionalökonomische Bedeutung“ des Standortes analysieren soll.

 


Winter verweist darauf, dass laut Studie im Nahbereich des 

Kraftwerkparkes in Lingen rund 7000 Arbeitsplätze von der Energiewirtschaft abhängen würden. Ergebnisse der Studie werden in Kürze erwartet. „Von dem Gutachten erhoffen wir uns Hinweise auf Handlungsansätze für die Zukunft. Zudem haben wir mit dem Studiengang für Energiewirtschaft am Hochschulstandort Lingen und den Kompetenzzentren IT und Energie der Wachstumsregion Ems-Achse, die seit Anfang 2016 in Lingen angesiedelt sind, die Möglichkeit, Kompetenzen noch besser zu bündeln“, betont der Landrat.
Aber nicht nur deshalb ist ein deutliches „Nein“ aus Lingen auf die Frage zu hören, ob nach 2022 das Aus für „Energy Valley“ drohe. So hat die Stadt Lingen den Energiestandort in Imagebroschüren in sprachlicher Anlehnung an den IT-Standort „Silicon Valley“ in Kalifornien bezeichnet.


Während das „Aus“ für die Kernenergie – auch in Lingen – besiegelt ist, ist das letzte Wort über die Blöcke des Gaskraftwerkes noch nicht gesprochen. Schließlich scheint die Sonne nicht immer, und der Wind weht auch nicht ständig. Das Gaskraftwerk bietet nach den Worten von Jürgen Haag, Leiter des Kernkraftwerkes, vor diesem Hintergrund genau das hohe Maß an Verlässlichkeit, ohne dass die Herausforderungen der Energiewende nicht zu managen seien.
Da sieht er sich in einer Linie mit dem niedersächsischen Ministerpräsidenten Stefan Weil. Auf dem 7. Unternehmensforum über „Lingen und seine Zukunft als Energiestandort“ im Januar hatte dieser die Bedeutung der Erdgaskraftwerke zur Stromproduktion als Brückentechnologie bei der Energiewende hervorgehoben. „Es gilt, den Raum für die Kohle enger zu machen und dem Gas mehr Chancen zu geben“, betonte der Ministerpräsident.


Lingens Oberbürgermeister Dieter Krone wird es gerne vernommen haben. „Lingen bleibt weiterhin Energiestandort“, unterstreicht Krone auch unter Hinweis auf die Gaskraftwerke der RWE. Die bestens ausgebauten Strom- und Verteilernetze in Lingen mit ihren Verbindungen zu überregionalen Versorgungsunternehmen tragen ebenfalls zu dieser Standortsicherung bei.


„RWE bleibt ein Baustein in der produzierenden Energie in Lingen, aber wir haben auch noch andere“, betont Wirtschaftsförderer Ludger Tieke selbstbewusst und verweist auf die Raffinerie in Lingen. In sie will Eigner BP in den kommenden Jahren rund 250 Millionen Euro investieren. Ein wichtiger Energie-Akteur in Lingen sei auch der Öl- und Gasförderer Engie E&P, der 16 Prozent der deutschen Öl- und acht Prozent der Gasproduktion ausmacht.

 

Gleichzeitig will die Kommune neue Herausforderungen im Energiesektor aktiv begleiten. So haben die Lingener Stadtwerke und weitere Partner aus dem Bereich der Energiewirtschaft im Nordwesten mit der EWE an der Spitze sowie Vertreter aus dem IT-Bereich ihre Bewerbung um Teilnahme an einem Förderprogramm des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie abgegeben. „enera – Die Zukunft der Energieversorgung“ ist es umschrieben. Hier geht es um Begriffe wie „Smart Grids“, intelligente Stromnetze, die Steuerung und Vernetzung von Stromerzeugern und Speichern.
Den mit der Energiewende einhergehenden Strukturwandel hat die Stadt den Worten von Krone und Erstem Stadtrat Stefan Altmeppen zufolge sehr gut gemeistert. Arbeitsplätze, die bei RWE verloren gegangen seien, seien an anderer Stelle im Industriepark längst wieder ausgeglichen worden. Allein der Technologiekonzern Rosen habe seine Beschäftigten in Lingen in den letzten Jahren von 600 auf 1000 aufgestockt.


Wirtschaftsförderer Tieke verweist außerdem auf über 3500 Betriebe in Lingen. Sie sind auch ein Garant dafür, dass sich die Gewerbesteuereinnahmen der Stadt immer noch auf hohem Niveau befinden. Über 30 Millionen Euro peilt die Kommune 2016 an.


Der Oberbürgermeister ist aber auch aus einem weiteren Grund nicht bange, was die Zukunft des Energie- und Wirtschaftsstandortes Lingen anbelangt. Das ist der Campus Lingen mit seinen Studiengängen, die auch die Energiewirtschaft umfassen, außerdem Studiengänge mit hohem ingenieurwissenschaftlichem Wirkungsgrad. Sie ziehen nicht nur künftige Fachkräfte an, sondern bereiten durch ihre Berührungspunkte zur Wirtschaft auch das Umfeld für Unternehmen, die von außen kommen und auf die Stadt schauen.