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„Der Strompreis ist nicht mehr kostendeckend“

 

Die beschleunigte Energiewende stellt die Energieunternehmen vor große Herausforderungen. Über die vielleicht tiefgreifendste Umbruchsituation in der Energiebranche sprachen wir mit Dr. Heinz-Jürgen Wüllenweber, seit Anfang 2012 Leiter des RWE-Erdgaskraftwerkes am Standort Lingen.

Herr Dr. Wüllenweber, die Energiewende wird gelegentlich mit der Bewältigung der deutschen Einheit verglichen. Unter vielen Faktoren: Welches ist die größte Herausforderung für Ihr Unternehmen? Die deutsche und europäische Energieversorgung ist ein komplexes System, das sich über Jahrzehnte entwickelt hat. Mit der „Energiewende“ hat der deutsche Gesetzgeber über das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) und den Ausstieg aus der Kernenergie an zwei Stellen massiv in dieses System eingegriffen. Dabei wurden die Auswirkungen auf das Gesamtsystem nicht ausreichend bedacht. Zum einen wurde mit den Kernkraftwerken eine zuverlässige, konstante Stromerzeugung aus dem Markt genommen, zum anderen steigt der Anteil einer volatilen und schwer kalkulierbaren Stromeinspeisung durch die Regenerativen; die nehmen den konventionellen Kraftwerken nicht nur Einsatzzeiten weg – sie haben auch die Großhandelspreise auf Talfahrt geschickt. Konkret heißt das: Unsere Kraftwerke müssen immer höhere Anforderun- gen an Flexibilität und Einsatzbereitschaft erfüllen, doch der dabei zu erzielende Preis für den erzeugten Strom deckt häufig nicht mehr die Kosten der Anlage. Das kann kein Unternehmen dauerhaft aushalten.

 

Bietet die Energiewende auch Chancen für den Standort Lingen? Wir haben in den vergangenen Jahren über 700 Mio. Euro in den Neubau und die Modernisierung unserer Erdgasblöcke am Standort Lingen investiert. Mit einem Wirkungsgrad von über 59 % gehört unsere GuD-Anlage (s. Kasten rechts) zu den effizientesten Kraftwerken weltweit. Zudem wurden die Blöcke auf hohe Flexibilität und schnelle Starts optimiert. Damit sind wir mit unserem Gaskraftwerk ein idealer Partner der erneuerbaren Energien. Aber um dieser Verantwortung gerecht zu werden, müssen sich jedoch die marktwirtschaftlichen Rahmenbedingungen ändern.

 

Braunkohlekraftwerke sind im Moment sehr erfolgreich, die Gaskraftwerke werden kaum angefordert. Woran liegt das und wie wirkt sich das auf den Kraftwerksstandort Lingen aus? Ein Blick an die Strombörse EEX bringt hier Klarheit. Angebot und Nachfrage bestimmen den Preis. Nur die Kraftwerke können ihr Produkt „Strom“ absetzen, die diesen unter den oben beschriebenen Bedingungen wirtschaftlich erzeugen können. Zwar haben Braunkohlekraftwerke einen Wettbewerbsvorteil, da ihr Brennstoff erheblich günstiger ist als Erdgas. Aber die Bedingungen insgesamt sind auch für die Braunkohle sehr schwierig. Erdgaskraft- werke wie unsere in Lingen sind vor allem durch die wegfallende Mittagsspitze betroffen, das heißt: Zu der Zeit mit dem höchsten Strombedarf und den höchsten Preisen ist jetzt vor allem die Photovoltaik im Einsatz. Unsere Blöcke werden nur dann angefordert werden, wenn bei Flaute und Dunkelheit die Stromeinspeisung durch die Erneuerbaren einbricht oder wenn eine kurzfristige Einspeisung nötig wird, um das Stromnetz zu stabilisieren. Die Arbeitsauslastung der Kraftwerksblöcke liegt aufgrund dieser Entwicklung nur noch im einstelligen Prozentbereich – zu über 90 % stehen hochmoderne Anlagen also still.

 

Für die Versorgungssicherheit sind konventionelle Kraftwerke auch auf lange Sicht unersetzlich. Brauchen wir einen Kapazitätsmarkt? Ja! Dass sich vor kurzem 30 000 Menschen am Aktionstag der Gewerkschaft ver.di zu diesem Thema beteiligt haben, zeigt, wie groß der Handlungsbedarf ist. Wer die hohe Qualität der Stromversorgung in unserem Land auch künftig gewährleisten will, der muss dafür bereit sein, für die Bereitschaft der Kraftwerke zu zahlen. So wie die Feuerwehr ja auch dafür bezahlt wird, permanent für den Fall der Fälle gewappnet zu sein. Die Verbände BDEW und VKU haben gemeinsam ein Modell entwickelt – den dezentralen Leistungsmarkt (DLM) –, der technologieoffen auf der Basis von Wettbewerb Versorgungssicherheit gewährleistet. Also kein „Hartz IV“ sondern vielmehr eine Art „Mindestlohn“ für Kraftwerke.

 

Teilweise wird gefordert, in den Emis- sionshandel einzugreifen und über eine Verknappung künstlich die Preise zu erhöhen. Was halten Sie davon? Zunächst: Das europäische Emissionshandelssystem ist das zentrale europäische Klimaschutzinstrument. Wie groß seine Bedeutung ist, zeigt die Bewertung im jüngsten IPCC-Bericht. Sinngemäß heißt es da: Wenn es ein Handelssystem wie den Emissionshandel (ETS) gibt, haben andere CO2-Minderungsmaßnahmen keinen zu- sätzlichen Klimanutzen. Die niedrigen Preise für Emissionszertifikate sind deshalb kein Zeichen für mangelnde Funktionsfähigkeit. Das ETS reagiert damit auf die schwache Wirtschaftslage in Europa. Eine andere Wahrheit: Erneuerbare Energien 

 

 

Stichwort: Energiestandort Lingen

Der Energiestandort Lingen ist der zentrale Knotenpunkt im Nordwes- ten. Heute sind ein Gas- und Dampfturbinenkraftwerk (GuD) und bis 2022 ein Kernkraftwerk mit 1406 Megawatt (MW) in Betrieb. Das GuD-Kraftwerk besteht aus drei Kraftwerksblöcken, die unabhängig voneinander betrieben werden können. Die Blöcke B und C sind seit 1974/75 in Betrieb. Nach der Modernisierung der installierten Gasturbinen in den Jahren 2010/11 leisten sie zusammen 984 MW. Im Jahr 2010 wurde der Block D in Betrieb genommen. Dieser leistet bei einem Wirkungsgrad von über 59 % 902 MW und ist damit eine der modernsten Anlagen der Welt. Der Standort ist an die Gasinfrastruktur angebunden und kann Erdgas in einer Optimierungsleitung zwischenspeichern. Die Kraftwerke am Stand- ort können in kurzer Zeit Regelleistung zur Verfügung stellen und leisten damit einen wichtigen Beitrag zur Versorgungssicherheit.